Zurück aus der EM-freien Zone
12 Tage ohne Internet – das fühlt sich für mich mittlerweile an wie 12 Tage ohne die notwendige Prothese. Ich weiß gar nicht, wo ich mit dem bloggen anfangen soll.
Also fang ich einfach dort an, wo es mich am meisten juckt. Auch wenn es nicht originell ist, es ist die deutsche Nationalmannschaft. Nach zwei Spielen bin ich enttäuscht, aber nicht enttäuscht aufgrund der puren Resultate. Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass Löw ein Winning Team auf den Platz schickt. Ich habe das Gefühl, dass Löw viele unnötig schlechte Entscheidungen trifft.
Löw hatte in der Quali eine Mannschaft, die ausgezeichnet funktionierte. Dieses Team hat er auseinandergerissen. Weil er nicht, wie ein Rehagel es machen würde, die beste Mannschaft auf den Platz stellt, sondern weil er bestimmte Namen in der Aufstellung sehen will. Er kann sich im Sturm nicht entscheiden, stattdessen lässt er Podolski im linken Mittelfeld auflaufen, um Gomez einen Platz zu geben. Gegen Polen hat das funktioniert. Poldi konnte einen dritten Stürmer markieren. Aber für die internationale Klasse ist ein Mann ohne Defensivqualitäten auf dieser Position vergeudet. Vor allem, wenn man dahinter einen Jansen hat, der seine Stärken ebenfalls in der Offensive hat.
Auf der rechten Seite das genaue Gegenteil. Mit einem Fritz im rechten Mittelfeld darf man alles erwarten, aber keine Kreativität und Ideen. Wenn er einen Ball in den Lauf bekommt, wird er in 60% der Fälle eine annehmbare Flanke reinhauen, ansonsten ist er ein reagierender Spieler. Dahinter Philip Lahm. Seit er auf der rechten Seite spielt, ist er in meinen Augen geradezu eingebrochen. Seine Stärke ist der einfache Move auf der linken Seite: Flanke anttäuschen, in die Mitte ziehen, Abschluss suchen. Auf der rechten Seite hat er dies bisher kaum einmal geschafft.
Warum zum Henker Löw David Odonkor zur Halbzeit gegen Kroatien eingewecheslt hat, bleibt mir verschlossen. Odonkor ist ein Konter-Spieler, der mit seinem Speed dann gut ist, wenn die Abwehr aufgrückt ist. Aber Kroatien stand schon vor dem 1:0 tief, so dass man viel mehr einen ballsicheren Spieler wie Schweinsteiger viel früher gebraucht hätte.
All diese Details zusammengenommen führen zu einem deutlichen Fazit: Deutschland ist im Moment nicht im Ansatz die Mannschaft, die dominiert, so wie es unter Klinsmann noch der Fall war. Es ist nicht mehr im Ansatz der Offensivdrang zu sehen, der die Nationalmannschaft für einen kurzen Zeitraum ausgezeichnet hat. Löw muss sich fragen lassen, warum er wenig nachvollziehbare Personalentscheidungen trifft, warum er sein Mittelfeld der Spielstärke und der Dominanz beraubt, die es mit anderen Außen durchaus haben könnte.
Zum Glück sind erst zwei Spiele gespielt. Denn um in diesem Turnier mehr zu leisten, als nur das Viertelfnale, braucht es eine 100-prozentige Steigerung.
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5 Responses to “Zurück aus der EM-freien Zone”


[...] mit Zweifeln: Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass Löw ein Winning Team auf den Platz schickt. Ich habe das [...]
Sehr präzise und treffende Analyse. Alleine der vorletzte Satz will mir nicht einleuchten: “Zum Glück sind erst zwei Spiele gespielt.” Das suggeriert, daß Löw von der so eindringlich beschriebenen Linie abweichen wird. Das sehe ich aber gar nicht. Er wird in vier Tagen nicht sein Konzept ändern.
Odonkor als Verteidiger? Ballack nicht nur gegen Kroatien vollkommen abgemeldet. Eckbälle sind eher eine Strafe (besonders die von Schweinsteiger). Und zweimal habe ich bei Mertesacker gesehen, wie er sich in der Abwehr vor einem Ball weggedreht bzw. geduckt hat. Was ist da los?
Löws grundsätzliches Konzept finde ich gar nicht falsch. NUr glaube ich, dass es derzeit nicht optimal umgesetzt wird, vor allem aufgrund einiger personeller Entscheidungen.
Einige kleine Änderungen könnten bereits große Wirkung zeigen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die auch erfolgen werden. Odonkor wäre im nächsten Spiel von Beginn an eine taktische Variante im rechten Mittelfeld, da die Österreicher Druck machen und das Spiel offensiv gestalten müssen. Dann hätte Odonkor den Platz, den er braucht.
Lieber wären mir persönlich aber zwei ballsichere Mittelfeldspieler auf den Seiten, die gleichzeitig in der Defensive den Raum eng machen können, z.B. Hitzlsperger und Borowski. Dadurch würden auch Ballack und Frings entlastet, die im Moment viel in der Seitwärtsbewegung arbeiten müssen, um die Räume hinter Podolski zuzustellen.
Durch diese Entlastung könnte Ballack evtl. auch wieder die notwendigen Offensiv-Impulse setzen.
Die Unsicherheiten bei Mertesacker sind mir auch aufgefallen. Eigentlich hätte man das viel mehr von Metzelder erwartet.
Stimme hier allem zu. Erwähne nur als Ergänzung noch den Namen Borowski. Odonkor war für mich bisher immer nur als Spieler für die “Hail Marry” interessant. Ein spielstarker Mann wie Borowski zur Pause wäre sinnvoller gewesen. Aber ist nun auch egal. Ich kann nur hoffen, dass Löw und sein Team sich nicht stur stellen und sich auch selbst mal hinterfragen. Man sollte sich wieder auf erprobte Kombinationen besinnen. Poldi und Klose in vorderter Reihe ist für mich nun zwingend. Jansen sollte bleiben, aber mehr Hilfe auf links erhalten. Vielleicht ein Hitzelsperger, der dann dem Macho mal einheizt.
@Marius: In Sachen Borowski und Hitzlsperger sind wir uns dann ja einig
In der heutigen PK hat Löw keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Niederlage auf seine Kappe nimmt und Änderungen vornehmen wird. An Selbstkritik mangelt es also nicht.