Zurück aus der EM-freien Zone, Teil 2
Ohne Zweifel: In den USA ist Soccer immer noch nicht angekommen. Es ist wie mit Badminton oder Volleyball hierzulande: Die Leute spielen es, aber sie wollen nicht zuschauen. Immerhin versuchen die Sender, allen voran ESPN, den Sport voranzubringen. Alle Spiele werden live übertragen – leider sehr sachlich, ohne die Leidenschaft rüberzubringen. Dabei sollte gerade das Nationalstolz-Moment den Amerikanern gut gefallen. ESPN2 hat für die EM schottische (!) Journalisten verpflichtet, was aufgrund des Dialekts bei der Bevölkerung einiges Schmunzeln hervorruft. Sowohl im Studio als auch beim Live-Kommentar muss man als Nicht-Native-Speaker arg konzentrieren, um den Ausführungen folgen zu können.
Das Bild der Übertragung rund ums Spiel unterscheidet sich deutlich von den deutschen Gepflogenheiten und knüpft an die sonstige Sportberichterstattung an. Im Studio reden vor und nach dem Spiel drei Experten in einer tagesthemenartigen Kulisse. Während beim Football mindestens drei Hall-of-Fame-Spieler daran teilnehmen, sitzen beim Soccer neben dem Moderator ein ältlicher schottischer Journalist und Julie Foudy, eine der besten Frauenfußballerinnen der letzte Jahren. Also etwa so, als würde JBK Hacki Wimmer und Steffi Jones an seiner Seite hätte.
Interessieren tun sich für das Geschehen nur die Randgruppen. WASPs bleiben bei Football und Baseball. Das Spiel Portugal – Tschechien habe ich am Flughafen Charlotte, North Carolina verfolgt. Neben mir: Latino-Kinder mit einer großen Euphorie für Portugal (btw. für Christiano Ronaldo, der er anscheinend zum Weltstar gebracht hat) und Mitarbeiter der mexikanischen und chinesischen Imbissbuden, die gerade Mittagspause machten.
Für die EM ist es eine denkbar schlechte Zeit in den USA. Denn just zum Auftakt starteten die NHL- und die NBA-Finals. Ganz groß im Kurs: Eishockey. Zumindest in Pittsburgh, wo ich geurlaubt habe. Der erst 20-jährige Kapitän der Pens, Sidney Crosby, ist bereits sowas wie ein Monument. Wo immer man in Pittsburgh hinkommt gibt es Trikots, T-Shirts und Kappen mit seiner Nummer 87. Den Rest des Landes, außer Detroit und Pittsburgh, halten die Basketball-Endspiele in Atem. Denn dort treffen mit den Lakers und den lange leidenden Celtics die beiden traditionsreichsten Teams aufeinander. Als neutraler Beobachter würde ich sagen, dass Boston in letzter Zeit ein wenig verwöhnt wurde, was die sportlichen Resultate der einheimischen Teams anbetrifft. Deshalb: Go Lakers.
Apropos amerikanischer Sport: Für Football-Interessierte sollte das Saison-Heft der Sports Illustrated Pflichtprogramm sein. Großartiger Journalismus, von dem sich Kicker und Co in Sachen Analyse der Kader eine dicke Scheiber abschneiden können.
Druckversion

