Sieben Tore für den Aufstieg – der Auswärtsfahrtbericht
7:1. Ich werd bekloppt.
7:1 klingt nach einem Spaziergang, nach einem Klassenunterschied. Wer das Spiel gesehen weiß, dass es ganz anders war. Es hatte eine seltsame Dramatik. Live im Stadion sogar noch auf einer zweiten Ebene, auf der Support-Ebene. Denn in den letzten 20 Minuten waren es nicht die Gladbacher Fans, die das Stadion beben ließen, sondern die Offenbacher. Ich hatte eine Gänsehaut, auf der man Möhren hätte reiben können. Aber der Reihe nach.
Gladbach kam ganz schlecht in die Partie. Offenbach grätschte, kämpfte, rackerte, so wie es sich für eine Mannschaft im Absteigskampf gehört. In den ersten 20 Minuten fand Gladbach kein Mittel, gegen die sehr gut eingestellten Gastgeber auch nur eine Chance zu kreieren. Im Gegenteil: Einige Male musste man ganz tief Luft holen, insbesondere wenn der starke Bancé zum Abschluss kam. Seinen gut platzierten Kopfball lenkte Heimeroth mit den Fingerspitzen um den Pfosten. Gladbach spielte mal wieder oft lange Bälle auf Friend, der in Sichone einen extrem unangenehmen Gegenspieler hatte. Gegen Ende der zweiten Halbzeit spielten beide am Rande der gelb-roten Karte.
In der Druckphase der Offenbacher hinein fiel völlig überraschen das 1:0. Friend wurde bei einem Entlastungsangriff steil in den Strafraum geschickt und fiel. Aus meiner Sicht im Stadion schien es eine sehr harte Entscheidung. Neuville verwandelte sicher und ich musste meinen Torjubel schwer unterdrücken, stand ich doch mitten im OFC-Fanblock in der Nähe einiger ganzkörpertätowierter Glatzenträger, die kurz zuvor bereits einen anderen Gladbach-Anhänger vor meinen Augen recht rabiat seiner gesamten Fan-Utensilien entledigt hatten.
Die Kickers-Fans tobten und es schallten bereits erste “Hoyzer! Hoyzer!”-Gesänge durch das Stadion. Diese Stimmung sollte nicht besser werden, als kurz vor der Halbzeit der bis dato stärkste Offenbacher Bancé die rote Karte nach einem völlig überflüssigen Foul an Neuville sah. In der Halbzeit riet mir mein Nebenmann, ein Offenbach-Fan, den Block zu wechseln, da er für nichts garantieren könne, sollte eine weitere zweifelhafte Entscheidung gegen die Kickers fallen.
Ich blieb, sollte es aber bald an dieser Entscheidung zweifeln. Kaum fünf Minuten nach der Pause zeigte Schiedsrichter Sippel erneut auf den Elfmeterpunkt und verwies Sichone des Feldes, ohne dass aus unserer Sicht auch nur der leiseste Anhaltspunkt für eine Regelwidrigkeit zu erkennen gewesen wäre. Einziger Anhaltspunkt für eine berechtigte Entscheidung war, dass es keinen Protest seitens des Übeltäters gab. Den OFC-Fans war dieses Indiz indes ziemlich egal und sie stimmten einen derartigen Proteststurm an, dass mit angst und bange wurde.
Ob berechtigt oder nicht, diese Szene war es, die die Partie endgültig kippen ließ. Aus einem Kampf- wurde ein Trainingsspiel Mit neun Mann und 35 Grad auf dem Platz mussten die Offenbacher mit ansehen, wie die Gladbacher den Ball locker zirkulieren ließen, zu einer Chance nach der anderen kamen und die meisten davon locker verwandelten. Die Borussia konnte es sich sogar erlauben, nach drei Auswechslungen einen angeschlagenen Colautti vom Feld zu nehmen, um nur noch mit zehn Mann zu Ende zu spielen und trotzdem noch drei Tore drauf zu setzen.
Während sich die Offenbacher Mannschaft auf dem Feld verprügeln lassen musste, zeigten die OFC-Fans, dass sie nicht in die dritte, sondern in die erste Liga gehören. Von der 70. bis zur 90. Minuten supporteten sie ihr Team ohne eine einzige Atempause, Schmähung des Schiedsrichters oder des Gegners. Und das in einer Lautstärke, dass vom Gladbacher Fanblock bei mir nullkommanichts angekommen ist. Selbst zehn Minuten nach Spielende standen die OFC-Fans noch auf den Zäunen und forderten ihre Mannschaft. Für die Kurve zählte nicht das blanke Ergebnis, sondern vor allem die gute Vorstellung ihres Teams in Halbzeit eins und ein (so seltsam das angesichts eines 1:7 klingt) aus ihrer Sicht nur vom Schiedsrichter verhinderter Punktgewinn. Alle Hüte ab.
Bei einem so eigenartigen Spielverlauf fällt es mir sehr schwer, Einzelleistungen zu bewerten. Es waren zwei völlig konträre Halbzeiten. Bezeichnend dafür vielleicht Neuville: In der ersten Hälfte kaum zu sehen, auch aufgrund fehlender Anspiele. In der zweiten Halbzeit ein Aktivposten. Dazu zwei Tore, aber Elfmetertore. Welche Note sollte ein Kicker-Redakteur da vergeben? Wahrscheinlich eine 2,5.
Über den Spielverlauf spricht in zwei Wochen zum Glück keiner mehr. Mein Bauchgrimmen, was den Aufstieg angeht, ist jedenfalls verschwunden. Er kann wohl nur noch theoretisch verhindert werden: Wenn Hoffenheim alle drei Restspiele gegen Koblenz, Offenbach und Fürth gewinnt und Gladbach gleichzeitig gegen Wehen, Freiburg und Paderborn nur noch einen Punkt holt. Nächste Woche bin ich im Nordpark. Hoffentlich zur Aufstiegsfeier.
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2 Responses to “Sieben Tore für den Aufstieg – der Auswärtsfahrtbericht”


hach war das ein geiler nachmittag! also ich bin froh, dass ich im gladbach-block war. und glaub mir, die stimmung da war bombastisch und laut war es auch. ihr hättet ruhig mal rüberwechseln sollen!
Dieses Spiel hat mich die ersten fünf Auswärtsniederlagen meines Lebens glatt vergessen lassen. Man, man, man – was ein Spiel!
Wir standen in W2, also mittendrin. Was die Stimmung angeht kann ich mich nur anschließen, obwohl man im Fernsehen angeblich nichts von uns gehört hat. Soll mir egal sein, ich hatte den Spaß der Saison. Jetzt muss morgen die Bude voll sein!