Meine Borussia: Es geht immer noch schlimmer

November 7th, 2008

Gladbach-Fan zu sein war in den letzten Jahren nie einfach. In diesen Wochen ist es noch schwerer. Die Spielweise der Mannschaft ist so unambitioniert und ideenlos, dass ich mich ernsthaft mit dem direkten Wiederabstieg beschäftige.

Mit wehenden Fahnen unterzugehen, wäre erträglich. An einem Punkt angekommen zu sein, den man seit zwei Jahren hinter sich gebracht zu haben vermutete, ist grausam.

Die Borussia demissioniert drei Spieler, schickt sie zum U23-Training und legt ihnen einen Wechsel ans Herz. Dies wäre angesichts eines aufgeblähten 28-Mann-Kaders nicht weiter erwähnenswert, handelte es sich nicht um drei eigentlich ambitionierte Spieler, die irgendwann mal als Leistungsträger eingekauft worden wären. Hätte es Lamidi, van den Bergh und Schachten getroffen, jeder hätte der Entscheidung zugestimmt. Aber es traf Rösler, Coulibaly und Touma.

Zu einfach wäre es, nun mit dem Finger auf Hans Meyer und einen vermeintlichen eisernen Besen zu zeigen. Die Fehler sind viel früher gemacht worden. Statt auf den wirklich vakanten Positionen – auf rechtem Verteidiger und in der Innenverteidigung – Verstärkungen zu holen, wurden die defensiven Mittelfeldspieler und Außenflitzer Nummer acht, neun und zehn geholt. Die Balance im Kader stimmte hinten und vorne nicht.  Auf einer Position konkurrieren sechs Spieler, auf der anderen gibt es noch nicht mal ein Backup für den nicht vorhandenen Stammspieler.

Diese Zusammenstellung darf man nicht nur Luhukay ankreiden. Sie war eine zentrale Aufgabe des so titulierten “Kompetenzteams” Ziege, Eberl und Korrell. Während Luhukay Geschichte ist, sind letztgenannte in Wunschpositionen weiterbefördert worden.

Der 28-Spieler-Kader war ein Ergebnis der fragwürdigen Strategie, alle Systeme spielen können zu wollen. Es lief daraus hinaus, dass tatsächlich alle Systeme gespielt wurden, aber keines mit Können.

Hans Meyer hat eine klare Vorstellung von einem System. Dass er nun ausmistet und nur noch mit den Spielern arbeiten will, von denen er glaubt, dass sie in das System passen, ist absolut folgerichtig und eine notwendige Reinigung. Bittere Entscheidungen sind die notwendige Konsequenz. Ehrlichkeit denen gegenüber, die nicht mehr in den Mannschaftsverbund passen, gehört zur Fairness.

Was irritiert, ist eben, dass es keine No-Names getroffen hat, sondern mit Rösler einen Aufstiegs-Garanten, mit Touma einen mit hohen Ambitionen verpflichteten Außenstürmer und mit Coulibaly einen vermeintlich souveränen Mittelfeld-Backup.

Der Rauswurf ist von Außen kaum zu beurteilen und wird sehr viel mit Gruppendynamik zu tun haben.

Rösler kann in der Bundesliga aufgrund limitierter Mittel kein Leistungsträger sein. In einer ansonsten gut aufgestellten Mannschaft sollte er aber ein ordentlicher Mitläufer sein. Gerade im Gladbacher System wäre ein offensiver Mittelfeldspieler wichtig, der bei Flanken in den Strafraum stößt und einen zweiten Kopfball-Abnehmer neben dem Mittelstürmer markiert.  Das war Röslers große Stärke in der Vorsaison. Ebenso war er der Hitzkopf auf dem Platz, der der Mannschaft im Moment abgeht. Paauwe ist zwar ein Chef, aber ein ruhiger Vertreter. Der Borussia mangelt es an Körpersprache. Rösler wird seine Situation sicherlich nicht stillschweigend hingenommen haben. Wenn Meyer für ihn keine Perspektive sah, wollte er sich dieses Unruheherdes entledigen.

Touma war als Granate verpflichtet worden, in der holländischen Liga hatte er auf der Außenstürmerposition für Furore gesorgt. Warum er in Gladbach nie den Durchbruch schaffte, ist rätselhaft und wirft kein gutes Licht auf den Verein, der es nicht schaffte, die zweifellos vorhandenen Qualitäten auch nur annähernd auszureizen. Sein Rauswurf ist insofern bemerkenswert, als auf den Außenstürmerpositionen, die Meyer in seinem System fest etabliert hat, kaum Alternativen zu Matmour und Marin vorhanden sind.

Coulibaly hingegen ist einer von vielen im defensiven Mittelfeld. Bei ihm kann man annehmen, dass Trainingsleistung den Ausschlag gegeben hat.

Nach drei Spielen als verantwortlicher Trainer scheint sich unter Hans Meyer nichts gebessert zu haben. Das System ist kein anderes, die eingesetzten Spieler sind dieselben. Stattdessen scheint mehr Unruhe im Verein zu sein. In den Foren wird bereits heftige Kritik laut.

Aber Meyer hatte zwischen den Spieltagen gar keine Zeit, an grundsätzlichen Dingen zu arbeiten.  Er konnte nur versuchen, das Team zu stabilisieren und psychologisch zu arbeiten, was offensichtlich nicht wirklich geglückt ist. Immerhin hat er sich auf ein fixes System konzentriert, auch wenn genau dieses sich in der Vergangenheit als nicht geeignet für die Borussia erwiesen hat. Das musste dem “Kompetenz-Team” klar gewesen sein, als sie den Trainer verpflichteten. Wenn die Zwischenrufer laut werden, sollten sie ihre Stimme gegen die Vereinsführung richten, aber nicht gegen den Trainer.

Meyers Aufgabe ist es, Selbstbewusstsein in die Offensive und Automatik in die Spielzüge und in das Defensiv-Verhalten  zu bringen.  Die mangelnde Qualität auf bestimmten Positionen können nur Transfers in der Winterpause beheben. Ausnahmsweise würde ich diese begrüßen, wenn wenigstens einigermaßen bundesligataugliches Material gekauft würde.

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2 Responses to “Meine Borussia: Es geht immer noch schlimmer”

  1. Stefan (Weltsicht Südtribüne) on November 8, 2008 15:24

    Unsere Erfahrung mit Wintereinkäufen kennst Du ja: Streller, Zivkovic, Tiago, Andre, Akin, Luciano, Laslandes…

    Im Winter werden eigentlich nur Spieler abgeschoben. Da ist selten was dabei. Der einzige Vorteil bei Wintereinkäufen für mich ist der, dass die Spieler ein halbes Jahr Zeit haben sich einzuleben, bevor sie dann in der Folgesaison zu Verstärkungen werden. Das ist bei Hoffenheim der Fall (die obendrein ein anderes Scouting und andere Mittel haben) und bei uns ist es jetzt mit Pezzoni ähnlich.

    Auf Wintereinkäufe zu hoffen ist also echte Verzweiflung.

  2. Dülp on November 9, 2008 19:19

    Da hast du recht. Aus mir hat Verzweiflung gesprochen. Wenn du einen nicht wirklich ambitionierten 19-jährigen aus der U-23 in der Außenverteidigung spielen lassen musst, wie in Bielefeld geschehen, dann ist die auch angebracht.

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