Kicker-Journalisten sind keine Mathematiker
Wenn ich nett sein wollte, würde ich Rainer Franzke nur ein gestörtes Verhältnis zu den Grundrechenarten vorwerfen. Oder eine schlampige Einstellung zu journalistischen Grundtugenden. Wahrscheinlicher ist aber, dass er seine Leser für dumm verkaufen will.
In seinem Kommentar verteidigt er die neue Anstoßzeit – Sonntags um 15.30 – mit zwei Argumenten, die beide haarsträubend sind.
Erstes Argument: Die Anstoßzeit habe eingeführt werden müssen, “denn ohne die etwa 200 Millionen Euro von Premiere hätte die Liga vor einem Crash-Szenario gestanden.”
Nope. Die Liga hätte vielleicht weniger kassiert, aber mit Sicherheit wäre Premiere nicht komplett von Bord gegangen, denn der Sender ist auf Gedeih und Verderb auf die Bundesliga angewiesen.
Zweites Argument: “Die Amateure hängen am Tropf der Liga, die ihnen ohne das Geld aus dem Pay-TV die etwa 11,1 Millionen Euro aus ihren Einnahmen nicht hätte zukommen lassen können.”
Nope.
Erstens: Während Herr Franzke die Pay-TV-Einnahmen pro Saison nennt, sind diese 11,1 Millionen wohl die kumulierte Summe über die Vertragslaufzeit (nehme ich an, denn er erwähnt mit keinem Wort, wie er auf den Betrag kommt). Im Kicker-Bericht zum DFB-Bundestag sehen die Zahlen noch so aus:
In den Spielzeiten 2009/10 und 2010/11 kassiert der DFB jeweils 4,75 Millionen Euro, in der Saison 2011/12 sechs Millionen Euro. Im Gegenzug wird der DFB den Ligaverband auch in Zukunft an den Einnahmen der Nationalmannschaft beteiligen.
Zweitens: Dem DFB sind lt. Wikipedia rund 26.000 Vereine angeschlossen. Teilt man 4,75 Millionen durch 26.000, so bekommt jeder Amateur-Verein pro Saison 182 Euro von der DFL. Pro Heimspieltag sind das 10,70 Euro.
Das Almosen der DFL macht also wirtschaftlich bereits dann keinen Sinn, wenn bei einem Amateur-Club wegen der neuen Anstoßzeit nur zwei zahlende Zuschauer pro Spieltag fern bleiben. Und dabei ist noch nicht eingerechnet, dass die DFL auch ohne die neue Anstoßzeit ein hübsches Sümmchen gezahlt hätte.
Und wie wenig Ahnung Franzke vom Amateur-Fußball hat, zeigt sich spätestens im letzten Satz:
Das neue Sonntags-Spiel “ermöglicht, so verrückt es ist, dass noch immer im Breitensport an der Basis Prämien bezahlt werden.”
Die Prämien werden sicher nicht von den 182 DFL-Euros pro Saison gezahlt, sondern von den lokalen Geschäftsleuten, die ihre Eitelkeit über den Fußball pflegen. Dass Prämien in der Kreisliga ohnehin pervers sind, das wäre mal ein Thema, das der Kicker aufgreifen könnte.
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8 Responses to “Kicker-Journalisten sind keine Mathematiker”


Schade, dass es für Blog-Beiträge keine Favourite-Sternchen à la Twitter gibt. Hierfür hättest Du einen bekommen!
Erstens ist ein Kommentar wesentlich besser als ein simples Sternchen und zweitens hast Du trotzdem Recht.
*
Der Kicker und der Amateurfußball – das sind wirklich total andere Welten, von den Problemen der Basis hat das Fachblatt leider keine Ahnung. Rainer Franzke macht sich hier mal wieder zum PR-Schreiber des DFB…
Danke
Derartige eilfertige Hofberichterstattung mag man ja aus der Springerwelt erwarten. Aber letztlich ist es beim Kicker auch nicht besser.
unterschreib
Und auch noch mal: Schade, dass hier in letzter Zeit weniger zu lesen ist.
Ich weiß gar nicht, ob das Hofberichterstattung ist oder einfach nur Schlichtheit oder Faulheit.
@Oliver: Da bin ich mir auch nicht so sicher. Der Kommentar liest sich so, als hätte Franzke ihn beim Butterbrot in der Frühstückspause rausgerotzt. Deshalb auch meine einleitenden Worte. Das wäre aber m.E. noch schlimmer als Hofberichterstattung. Das wäre eine Armutserklärung.