Fernvergleich: Borussia vs. Hoffenheim

Oktober 26th, 2008

Zwei Spiele habe ich mir an diesem Wochenende in voller Länge angeschaut. Gestern Borussia gegen den KSC, heute Hoffenheim gegen HSV. Borussia und Hoffenheim haben gewonnen, aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Ich habe ganz deutlich gesehen, wie weit zwei Interpretationen desselben Spielsystems auseinanderliegen können.

Gestern hatte Gladbach lediglich Glück, dass ein höchst verunsicherter Gegner zu Gast war. Es war ein teilweise grausiges, mutloses Spiel. In den ersten 20 Minuten entwickelte sich ein Fehlpassfestival deluxe. Beide Mannschaften strotzten nur so vor überflüssigen Fehlern. Und es war nicht so, dass die defensiven Mittelfeldreihen einen unglaublichen Druck entwickelten und die Fehler forcierten. Es waren ein Stocki und ein Nuttenball nach dem anderen.

Die Borussia hatte nur eine gute Viertelstunde. Die fand direkt vor der Halbzeitpause statt. Gut in dem Sinne, dass der KSC kaum in die gegnerische Hälfte kam. Torchancen gab es trotzdem nur eine. Die führte über einen ideenlosen hohen, langen Ball zum Tor. Einzig Marin setzte hin und wieder Aktzente indem er ein Dribbling ansetzte und Richtung 16er zog.

Nach der Pause staffelte sich Gladbach extrem tief, in der Schlussphase standen 10 Spieler auf Höhe des eigenen 16ers und versuchten irgendwie die Führung über die Zeit zu retten. Es war teilweise ein betteln um den Ausgleich. Ein Aufatmen gab es  nur zwei, drei Mal, als Friend oder Neuville nach einem Befreiungsschlag den Ball sicherten, ins Mittelfeld zurückpassten, um der Mannschaft Gelegenheit gaben aufzurücken.

Bezeichnend war der ruppige Zweikampf Kleine gegen Kapplani in der letzten Minute, kurz nachdem Coulibaly in einem der kurzen Entlastungsmomente die Latte getroffen hatte, als der KSC-Stürmer  mit dem Rücken zum Tor zu Boden ging und der bis dahin excellente Deniz Aytekin keinen Strafstoß gab. Mit dem Karma des Trainers Luhukay hätte es Elfer gegeben.

Fußballerisch war es die gleiche Magerkost wie in den Wochen zuvor. War etwas anderes zu erwarten? Wahrscheinlich nicht. Kein Trainer kann in einer Woche eine Mannschaft spielerisch umkrempeln. Aber Gladbach hatte mal wieder das Glück, das zum Beispiel gegen Köln fehlte, und das für den psychologischen Schub sorgen könnte.

Ganz anders Hoffenheim.  Das war in der ersten Halbzeit Fußball von einem anderen Stern.  Ich weiß nicht, wie das funktioniert hat.

Gegen Rangnicks Dreier-Mittelfeld mit zwei 10ern schien der HSV oft Platz zum kombinieren zu haben, aber wenn der Pass gespielt werden sollte, war immer ein Hoffenheimer Fuß im Weg. Rangnicks Jungs sind gelaufen wie die Hasen. Und sie sind nicht nur schneller gelaufen und haben mit überragendem Aufwand verschoben und die Lücken zugemacht. Im Kopf waren sie noch schneller. Siehe das 3:0. Der Schiedsrichter hatte in einer kniffligen Situation auf Freistoß TSG entschieden, obwohl Hamburg ein Foul gegen sich reklamierte. Als Petric noch sitzend lamentierte, hatte sich Ba schon den Ball geschnappt, kurz auf Sahilovic eröffnet, der Obasi steil in die verwaiste HSV-Innenverteidung schickte. Obasis Abschluss war nur noch die Krönung.

Bereits zuvor hatte die Hoffenheimer Offensive gekreiselt wie Schalke in den 30er Jahren. Das Spiel war breit wie aus dem Bilderbuch. Beim 2:0 hat Sahilovic den Ball auf Außen, zieht in die Mitte, Obasi geht vor ihm vorbei auf Außen, zieht so seinen Gegenspieler mit und macht die Lücke auf, in die Sahilovic reindribbelt und den schargen Pass in die Mitte spielen kann. Die verwandelt Ibisevic in seiner üblichen Manier, von hinten im vollen Tempo Richtung Tor sprintend. Es sah aus wie ein Standard-Spielzug aus dem Lehrbuch, der einer Mannschaft wie dem HSV niemals passieren darf. Aber gerade wenn es so leicht aussieht, steckt hohe Kunst dahinter.

Es hätte zur Halbzeit 4:0 oder 5:0 stehen können. Hoffenheim entwickelte mit seinem rochierenden Sturm soviel Chancen, dass sie für zwei Spiele hätten reichen können. 15:3 war die Torschussbilanz in den ersten 45 Minuten. In der zweiten Hälfte schaltete die TSG offensichtlich einen Gang zurück und der HSV war trotzdem nicht das bessere Team. In der heutigen Form ist Hoffenheim ganz klar ein Anwärter auf die ersten Plätze. Die Bundesliga wird darauf warten, wann die Serie reißt. Mal sehen, ob sie reißt.

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9 Responses to “Fernvergleich: Borussia vs. Hoffenheim”

  1. DenDe on Oktober 27, 2008 09:42

    Zu Gladbach:
    Sicherlich kein schönes Spiel, aber eins für den Kopf. Allerdings habe ich das Gefühl, dass der hässliche Fußball die Saison von Gladbach bestimmen wird. Anders werden sie wahrscheinlich nicht aus der Krise kommen. Meyer ist da aber genau der richtige Trainer.

    Zu Hoffenheim:
    Sie provitieren derzeit unheimlich von ihrer Serie. Die wird aber, wie schon letzte Saison, reißen und dann werden sie wieder unter Druck geraten. Das ist ihnen letztes Jahr schon so ergangen und ich sehe da dieses Jahr keine Besserung.

  2. Don Z on Oktober 27, 2008 10:17

    Zu Gladbach: Wenn die notwendigen Punkte reinkommen dürfen sie “hässlich” kicken …
    Zu Hoffenheim: Ich hab mir den Kick gestern auch über 90min gegeben und es hat richtig Spass gemacht. Ich vermute auch auch, dass Hoffemheim uns noch mehr als einmal mit solchen Leistungen beglücken wird. Ob die irgendwann einbrechen mag ich nicht zu prognostizieren. Eine Voraussage zum abschneiden von Aufsteigern ist mir in der Saison 97/98 schon nicht gelungen.

  3. DenDe on Oktober 27, 2008 11:04

    @Don Z: Auch wenn ich das als Kölner so nicht sagen darf. Es ist ja aber auch nicht schlecht, so seine Punkte zu holen. Um das Ziel fürs erste zu erreichen ist das sicherlich legitim. Man muss nur danach schauen, dass man nicht so weiter macht. Ansonsten kommt man in eine ähnliche Situation wie Cottbus über die letzten Jahre. Die kommen aus ihrer Spielphilosophie irgendwie nicht mehr raus.

  4. Fränk von Schleck on Oktober 27, 2008 23:06

    Zu Hoffenheim haben wir bei Mauertaktik.de unsere ganz eigene Theorie aufgestellt.

    WARUM HOFFENHEIM NICHT MEISTER WIRD:
    http://mauertaktik.de/?p=625

    Keine Polemik! Versprochen! Denn was da von Hoffenheimer Seite in punkto Modernem Fußball geboten wird, ist vom Allerfeinsten und sollte jedem gefallen, der gerne schönen Fußball sieht!!

  5. taktiktafel on Oktober 28, 2008 07:07

    Hoffenheim wird das neue Gladbach ;)

    TSG Hoffenheim
    Das neue Gladbach – mit Geld

    Angesichts der offensiven Spielweise der Hoffenheimer, die in acht Spielen 21 Treffer erzielt haben, hofft Mäzen Hopp auf eine ähnlich erfolgreiche Entwicklung wie bei der „Fohlen-Elf” von Borussia Mönchengladbach in den 70er Jahren: „Wir können das neue Gladbach werden”.

  6. Chan TheJunction on Oktober 28, 2008 13:57

    g das neue Gladbach, der ist gut.
    Hoffenheim wirkt mir sehr sympathisch und ich hoffe, dass das Team es schafft weit vorne zu landen.

    lg

  7. Dülp on Oktober 28, 2008 19:13

    In Hoffenheim droht eine ganz große Gefahr: Einzelne Spieler könnten abheben sobald die unvermeidlichen Angebote von größeren Clubs kommen. Sobald sich zwei Leute für Superstars halten und glauben, es funktioniert auch ohne den großen Einsatz, den Hoffenheim im Moment leistet, kann das System zusammenbrechen.

    @DenDe: Letzte Saison ist keine Hoffenheimer Serie gerissen. Die TSG hatte einen etwas holprigen Start, was zu einer durchschnittlichen Hinrunde führte. Nach der Winterpause wurde da alles weggerockt. Mit 8 Punkten Vorsprung erster der Rückrunden-Tabelle.

  8. Stefan (Weltsicht Südtribüne) on Oktober 28, 2008 20:04

    Chan, sympathisch zu sein ist so ziemlich das einzige, was man Hoffenheim nicht vorwerfen kann. ;-)

  9. taktiktafel on Oktober 29, 2008 08:54

    Tschuldigung, ich habe das Zitat aus der FAZ nicht korrekt gekennzeichnet.
    @Chan, muß ja aus der Generation Hopp kommen um das ironiefrei verstehen zu können. ;)

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