Willkommen in der Realität, Borussia

August 20th, 2008

Aufsteiger sind gefährlich. Sie schwimmen auf einer Welle der Euphorie in die erste Liga, rennen wie die Hasen und sind heiß wie Frittenfett.


So oder so ähnlich hat man sich das als Borussia-Fan eingeredet vor dem Spiel gegen Stuttgart. Im Hinterstübchen war immer noch das Spiel nach dem letzten Wiederaufstieg abgespeichert – 1:0 gegen Bayern München.


Es war eine sehr rustikale Bauchlandung auf dem Boden der Tatsachen. Eine Bachlandung, die man sich durchaus schönreden kann. Hatte Gladbach nicht in der ersten Halbzeit genauso viel hochkarätige Chancen wie Stuttgart? War Gladbach in der zweiten Halbzeit nicht klar überlegen?


Beides stimmt. Und gerade darin liegt gleichzeitig die Krux. Stuttgart war nicht gut drauf. Vieles, vor allem in der Defensive stimmte nicht. Stuttgart hatte sehr viel Platz im offensiven Mittelfeld, vor dem Gladbacher 16er, den sie gar nicht optimal nutzten. Dennoch reichte es in der ersten Halbzeit zu zahlreichen Distanzschussversuchen, die zu einem Treffer führten, und zwei Großchancen, die beide souverän verwandelt wurden.


Gladbachs Abwehr stand oft wie ein Hühnerhaufen. Jaures war ein schwer zu kompensierender Totalausfall, Brouwers offensichtlich auf das Tempo nicht vorbereitet. Die Abstimmung im defensiven Mittelfeld stimmte in der Rückwärtsbewegung überhaupt nicht – dabei hatte die Borussia dort von der Grundaufstellung her einen Mann Überzahl. Heimeroth war der Mannschaft kein Rückhalt, sondern ein Unsicherheitsfaktor und mit gutem Willen an nur zwei Toren unmittelbar schuld. Es war bestenfalls zweitligatauglich.


Der Gesamteindruck war so desolat, dass auch eine gute, ballsichere und schnell kombinierende Offensive nur bedingt Anlass zur Hoffnung gibt.


Denn technische Qualität wurde teuer bezahlt. Mit Marin und Matmour standen auf den Mittelfeld-Außenbahnen zwei Spieler, die in der Rückwärtsbewegung schwach sind und die durch die beiden 6er abgesichert werden mussten. Alberman und Paauwe mussten also sehr weit rausschieben, so dass sich in der Mitte viel Raum für die Stuttgarter auftat. Solange Rösler auf dem Feld stand, gab es einen Mann, der hier absicherte. Sein Ersatz Baumjohann hingegen hatte genug damit zu tun, sein Offensivspiel zu ordnen.


Die zweite Hälfte lässt sich kaum bewerten. Hätte Stuttgart zielstrebig weiter gespielt, wären dieselben Defizite erneut aufgetaucht? Durch die defensive Haltung des Gegners hatte die Borussia viel Ballbesitz, durch den zurückgeschalteten VfB-Gang eine sehr gute Zweikampfbilanz.


Es gibt zwei Lesarten für dieses Spiel. Entweder hatte die Borussia, geblendet durch die Vorsaison und die gute Vorbereitung, nicht die notwendige Einstellung gefunden und infolge dessen einen rabenschwarzen Tag erwischt. Oder die Mannschaft ist deutlich schlechter besetzt, als dies die meisten Experten eingeschätzt haben. Das wird sich, insbesondere was die Defensive angeht, sehr schnell herausstellen. Denn nächste Woche wartet mit Hoffenheim eine offensiv excellent besetzte Mannschaft und eine Woche später mit Werder Bremen die Hausnummer, wenn es um schnelles, vertikales Spiel geht.

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Der Bundesliga-Check Teil 1 – Gladbach, Hoffenheim, Köln

August 7th, 2008

Die Sommerpause ist vorbei. Dank eines zweiwöchigen Blog-Trainingslagers dürfte ich genug Grundkondition für die neue Saison aufgebaut haben. Pünktlich mit dem Start der Pflichtspiele gibt es den Bundesliga-Check. Heute: Die Aufsteiger.

Borussia Mönchengladbach

Langsam dämmert es auch dem letzten Gladbach-Fan: Das mit dem Star-Einkauf wird nichts mehr. Luhukay und Ziege starten mit dem Aufstiegs-Kader in die neue Saison, ergänzt nur durch vier Einkäufe, die vom Namen her nicht unbedingt in der Kategorie “Verstärkungen” laufen. In der Vorbereitung hat sich gezeigt, dass nur der Israeli Gal Alberman Ambitionen auf einen sicheren Startplatz hat. Sein Auftreten allerdings macht Hoffnung auf einen Überraschungs-Coup. Der Freiburger Karim Matmour ist nah dran an der Stammformation. Callsen-Bracker und der international erfahrene Jaures müssen sich erstmal hinten anstellen.

Gladbach hat zwar keine herausragenden Spieler, aber einen extrem dichten Kader, in dem der Konkurrenzkampf sehr hoch ist. Jeder Ausfall könnte beinahe ohne Leistungsverlust kompensiert werden. Die sportliche Leitung hat zudem in ihrer kurzen Amtszeit auf charakterlich einwandfreie Spieler wert gelegt, sodass Hahnenkämpfe und Ego-Trips ausgeschlossen scheinen.

Bereits in Liga zwei standen zahlreiche Spieler im Kader, deren Anspruch eigentlich die Eliteklasse ist: Neuville, Marin, Rösler, Paauwe, Touma, Daems. Mit Ndjeng, Brouwers und Friend haben in der letzten Saison weitere Spieler  untermauert, dass sie mehr können als zweite Liga. Das Team sollte also personell erstligatauglich sein und ist besser besetzt als einige Konkurrenten im Abstiegskampf.

Luhukay hat zahlreiche taktische Möglichkeiten. In der letzten Saison war das 4-4-2 die Erfolgsformation und soll auch in der ersten Liga die Grundformation darstellen. In der Abwehrzentrale stehen zunächst Brouwers und Daems. Auf den Flanken der Viererkette duellieren sich Levels und Gohouri bzw. Voigt und Jaures um die Stammplätze. Die Besetzung ist nicht überragend und könnte zur Schwachstelle werden.

Im Mittelfeld ist Marin auf links wie Paauwe in der Mitte gesetzt. Um den zweiten zentralen Platz balgen sich Rösler und Alberman. Auf rechts gibt es einen Dreikampf zwischen Ndjeng, Touma und Matmour. In diesem Bereich dürfte Gladbach zum Mittelfeld der Liga zählen. Der Sturm ist dünn besetzt. Mit Friend, Neuville und Colautti stehen nur drei etatmäßige Stürmer im Kader, Matmour könnte einspringen. Ist Neuville fit und kann Friend seine Leistung der letzten Saison bestätigen,  dürften die gegnerischen Abwehrreihen einiges zu tun bekommen. Aber Neuville plagt sich bereits zum Saisonauftakt mit einer Verletzung herum. Zweifel, ob es in der Breite reicht, sind angebracht.

Zum Glück kann Luhukay variieren. In den ersten Spielen sollte ein 4-2-3-1 zum Einsatz kommen. Paauwe und Alberman spielen die Doppelsechs, Rösler übernimmt die Rolle der hängenden Spitze und stößt hinter Friend in die Lücken. Diese Formation hat zwar zu Beginn der letzten Saison überhaupt nicht funktioniert, doch sind jetzt die Vorzeichen komplett andere und Gladbach wird sich vorwiegend in der Defensive befinden und nicht das Spiel machen müssen. Die defensivere Formation könnte also funktionieren. Idealerweise könnte die Taktik während des Spiels wechseln, Rösler als Stürmer in einem 4-4-2 fungieren oder sich ins Mittelfeld fallen lassen, während Marin und Matmour auf die Außenstürmerpositionen zu einem 4-3-3 rücken.

Aufgrund der Tiefe des Kaders, der soliden Besetzung und den damit verbundenen strategischen Möglichkeiten sollte Gladbach nichts mit dem Abstieg zu tun haben und sich zwei, drei Spieltage vor Saisonende retten.

Platz 12

TSG Hoffenheim

Den Star-Einkauf, den Gladbach nicht hat, schüttelt die TSG mal kurz aus dem Ärmel. Für rund 5 Millionen kommt das brasilianische Riesentalent Wellington. Nicht dass Hoffenheim auf der Stürmerposition vorher unter Qualitätsmangel gelitten hätte – mit Ba und Obasi war bereits internationale Klasse vorhanden und mit Ibisevic und Copado dahinter durchaus ambitionierter Ersatz. Aber sicher scheint sicher.

Die Stärke Hoffenheims liegt also unzweifelhaft in der Offensive. Die wird es in der ersten Liga wahrscheinlich sogar leichter haben als in Liga zwei, wo rustikale Vereine sich auf Schadensbegrenzung beschränkt haben und als erstes Ziel ausgerufen hatten, diese brillianten Techniker rechtzeitig abzumontieren. In der Vorwärtsbewegung wird die TSG mehr Platz haben und die Mannschaft wird ihn auszunutzen wissen.

Insbesondere, da auch ein spielerisch brilliantes Mittelfeld vorhanden ist, allen voran der unbekümmerte, aber beizeiten zu ehrgeizige Carlos Eduardo. Luiz Gustavo kombiniert Eleganz mit Defensivstärke, Salihovic ist stets torgefährlich und mit Löw, Teber und Seitz steht das gewisse Quantum Erfahrung bereit.

Die einzige Ungewissheit ist die Präsenz der Abwehr. Der von Gladbach geholte Compper überraschte in der Rückrunde als herausragenden, pfeilschneller Innenverteidiger. Ob es für die erste Liga reicht, ist ungewiss. Gleiches gilt für Nilsson, der seine Klasse bisher nur in der schwedischen ersten Liga beweisen konnte. Auf den Außenbahnen  laufen wahrscheinlich Beck und Ibertsberger auf. Beck hat eine Menge Geld gekostet. Bei Stuttgart hat er stets einen soliden Part gespielt, er sollte also keine Probleme haben, in der Stammformation Fuss zu fassen. Ibertsberger sollte in der zweiten Liga gereift sein und ebenfalls eine ordentliche Saison spielen können – wenn auch nicht auf gehobenem Bundesliga-Niveau.

Rangnick dürfte ein 4-4-2 spielen lassen, wobei eine der Mittelfeldpositionen nicht absolut überzeugend besetzt ist. Mit seiner jungen, hungrigen Mannschaft bleibt ihm nicht viel übrig, außer das Heil in der Offensive zu suchen. Angesichts der Klasse des Stürmer würde es mich nicht wundern, wenn gegen schwächere Gegner ein 4-3-3 zum Einsatz käme. Am Ende der Saison wird Hoffenheim viele Tore geschossen, aber auch viele kassiert haben. Aufgrund der individuellen Klasse sollte das Team mit dem Abstieg aber nichts zu tun haben.

Platz 10

1. FC Köln

Der FC fährt ein gefährliche Taktik – aus Sicht eines leidgeprüften Gladbach-Fans. Die Qualität sollen Alt-Stars ins Kader bringen. Natürlich bietet sich diese Strategie für einen finanziell ambitionerten, aber nicht gesegneten Aufsteiger an. Doch sie ist gefährlich.

Der Kader der letzten Saison war kaum bundesligatauglich. Kein Wunder also, dass der Aufstieg erst im letzten Moment klar gemacht wurde. Die größte Lücke klaffte im zentralen Mittelfeld. Dort gab es mit Antar nur eine Stammkraft. Er spielte abwechselnd mit Broich, Mitreski oder Pezzoni.

Der Portugiese Petit soll hier Abhilfe schaffen. Nun fragt sich der Fußball-Kenner: Warum geht ein Petit nach Köln? Manager Meier sagt: Weil keiner wusste, dass er auf dem Markt war und er unbedingt in die Bundesliga wollte. Blödsinn hoch drei. Jeder wechselwillige Spieler – bzw. sein Berater – wird alles dafür tun, dass jeder weiß, was Sache ist. Der Verdacht liegt nahe, dass Petit sich in Köln nochmal die Taschen voll macht, mit dem Herzen aber kaum dabei ist.

Etwas anders sieht die Sache beim zweiten Großeinkauf Wome aus. Er hat praktisch die komplette letzte Saison verletzungsbedingt pausieren müssen. Ob er nochmal zu alter Form findet, scheint fraglich – obwohl er mit 29 im besten Fußballeralter ist.

Die größte Sorge der Kölner sollte sein, ob die Abwehrkette das Tempo der Bundesliga gehen kann. Mohamad wird den Anforderungen als Dreh- und Angelpunkt gerecht. Hoffnungsträger ist Geromel, der aber das berühmte brasilianische Jahr brauchen wird, um sich zu akklimatisieren. Würde er sich eine Auszeit nehmen, stünde mit McKenna ein recht langsamer Spieler in der Anfangsformation. Während Özat aufgrund seiner Übersicht und seinen Führungsqualitäten als Kapitän auf rechts gesetzt ist, wären Matip oder Mitreski in der Mitte eventuell die bessere Wahl in der Zentrale.

Im Mittelfeld sind Petit und Antar zentral gesetzt. Erfüllen sie die Erwartungen, hat Köln dort keine Sorgen. Auf den Außen gibt es einen heißen Kampf. Chihi, Sanou, Vucicevic und Broich sind die Kandidaten, alle nur bedingt bundesligatauglich. Eventuell greift der talentierte Pezzoni in den Konkurrenzkampf ein.

Offensiv müssen Novakovic und Ishiaku beweisen, dass sie ihre guten Leistungen in der ersten Liga bestätigen können. Dahinter sieht es allerdings dunkel aus. Mit Chihi und Scherz stehen nur zwei höchstens solide Ersatzleute parat. Erleidet Köln hier das Verletzungspech, ist kaum Durchschlagskraft vorhanden.

Christoph Daum – der sich erstmals bei einem Abstiegskandidaten beweisen muss – will 4-4-2 spielen lassen. Eine Alternative könnte aufgrund des Stürmermangels ein 4-5-1 sei, wobei Antar und Petit die 6er spielen und Broich hinter der Spitze agiert. Mit Sanou und Chihi wären zwei Spieler vorhanden, die aus dieser Formation offensiv ein 4-3-3 entstehen lassen könnten.

Der stärkste Mannschaftsteil dürfte trotz vorhandener Mängel die Abwehr sein. Im Mittelfeld leidet der FC wie bereits in der letzten Saison unter Qualitätsmängeln. Hier hätten Daum und Meier besser nachlegen müssen – vor allem in der Breite. Der Sturm dürfte in der Stammbesetzung bundesligatauglich sein. Ishiaku und Novakovic dürfen sich allerdings nicht verletzen. Insgesamt reicht das Personal nicht für einen sicheren Klassenerhalt und der FC zittert bis zum Schluss.

Platz 15

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Borussia-Transfercheck

Juni 25th, 2008

Was ist bloß los mit Borussia Mönchengladbach? In den letzten Jahren konnte man zu diesem Zeitpunkt der Vorbereitung bereits über einige feststehende Neuzugänge diskutieren. In diesem Jahr sind es bisher zwar vier an der Zahl – doch nur eine fällt bisher in die Kategorie “potentielle Verstärkungen”.

Bei diesem hoffnungsvollen Transfer handelt es sich um Jean-Sebastien Jaures, einem Linksverteidiger, der Alexander Voigt wohl mehr als Konkurrenz bereiten wird. 30 Jahre alt, ist er seit 2000 mehr oder weniger mit einem Stammplatz beim AJ Auxerre ausgestattet und hat einige Europacup-Spiele für seinen bisherigen Arbeitgeber bestritten.

Dies ist aber auch die einzige Baustelle, die bisher geschlossen wurde. Die anderen Transfers hinterlassen mehr oder weniger große Fragezeichen. Im defensiven Mittelfeld wurde der Israeli Alberman verpflichtet. Auf seiner Position wird der Nationalspieler es schwer haben, an Paauwe oder Rösler vorbei zu kommen. Ein Backup für das bisherige Personal war notwendig. Dieses ist mit Alberman nun am Start. Auf eine Verbesserung habe ich gehofft, aber nicht offensichtlich bekommen.

Mit Karim Matmour kommt ein 23-jähriger Offensiv-Spieler aus Freiburg, der bisher eine Saison als Stammkraft vorzuweisen hat. Der nackte Lebenslauf lässt auf Bankdrücker schließen, da die Borussia auf dieser Position bereits reichlich mit überdurchschnittlichen Zweitligaspielern besetzt ist.

Genau so verhält es sich mit Callsen-Bracker in der Innenverteidigung. Kann man kaufen, muss man aber nicht. Auf dieser Position sind mit Brouwers, Gohouri und Daems bereits drei Spieler vorhanden, die Ansprüche auf einen Stammplatz anmelden und zu denen der Ex-Leverkusener keine objektive Verbesserung darstellt. Torfabrik.de schrieb heute, dass Callsen-Bracker vom Potential her kaum eine Verbesserung zu den gerade abgegebenen Commper und Fleßers darstellt und den gleichen Eindruck habe ich auch.

Nun hat Ziege noch drei Wochen Zeit, Spieler rechtzeitig zum Trainingsauftakt zu verpflichten und ich bin mir sicher, dass bisher erst die Vorhut in Gladbach eingetroffen ist.  Die notwendigen, bezahlbaren “Knaller”, die in persona z.B. Paul Freier bereits auf dem Markt waren, lassen nich auf sich warten.

Offen bleibt mit dem größten Handlungsbedarf die rechte Verteidigerposition. Auch im Sturm sollte nochmal was passieren, denn mit nur drei mehr oder weniger verletzungsanfälligen Spielern ist eine Saison nur schwer zu bestreiten. Auch im offensiven Mittelfeld könnte ich mir einen weiteren starken Spieler vorstellen, der aber eine klare Verbesserung zu Rösler darstellen müsste. Die Borussia vor der Saison 08/09 ist bisher nicht so besetzt, dass der Klassenerhalt wahrscheinlich ist.

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Kurzer Hype für nix – Marin nicht dabei

Mai 28th, 2008

Ja, es war eine tolle Story. Ein 19-jähriger aus der zweiten Liga mischt die Nationalmannschaft auf. Welcher Journalist hätte sich nicht darauf gestürzt? Genau keiner.

Ich habe in den letzten Tagen keinen Artikel gelesen, in dem Marin seinen EM-Platz nicht bereits sicher gehabt hätte. Als hätten sie es herauf beschwören wollen. Wenn dann gerade einen Tag nichts passiert wäre, hätte man immer noch den Joker in der Tasche gehabt und hätte wieder einmal etwas über den kleinen Dribbler mit der bosnischen Herkunft schreiben können, der sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hat. Und wenn alles perfekt gelaufen wäre, dann hätte dieser Marin im Viertelfinale in der 80. Minute, kurz nach seiner Einwechslung, drei Gegenspieler auf dem linken Flügel vernascht und die Vorlage zum entscheidenden Tor gemacht.

So aber müssen sich die Journalisten eine andere Geschichte suchen und ich frage mich: War das notwendig? Hat Jogi Löw mit der überraschenden Trainingslager-Nominierung irgendjemandem einen Gefallen getan?

Wenn man es positiv sehen will: Löw hat Marin die Chance geben wollen, in eine EM-Vorbereitung reinzuschnuppern und ihm ein klares Signal gesendet, dass er der Mann der Zukunft ist.

Wenn man es negativ sehen will: Löw hat Marin unberechtigte Hoffnungen gemacht und die Nachwuchshoffnung muss nun die Enttäuschung verarbeiten und könnte einen Knacks für die Zukunft bekommen.

Welche Alternative dem eigenen Gusto entspricht, muss jeder für sich entscheiden. Um ein objektives Urteil fällen zu können, müsste man die Gespräche kennen, die zwischen beiden abgelaufen sind. So wie sich Marin geäußert hat, schien er nicht völlig überrascht von seiner Aussortierung.

Die Begründungen, die Löw in der Öffentlichkeit hat verlauten lassen, dürften indes nur als fadenscheinig gelten. Dass es vom kämpferischenher Defizite gegeben habe (konnte ich gegen Weißrussland beileibe nicht erkennen. Eher im Gegenteil). Dass es von der zweiten Liga ein zu großer Sprung zur internationalen Klasse sei (hat man schon vorher gewusst).

Vielmehr wahrscheinlich ist, dass es bereits vor der Einladung um Trainingslager einen klaren Kader gab, an dem nur im Extremfall etwas geändert worden wäre. Für mich das deutlichste Anzeichen dafür: Die Spieler, die gegen Weißrussland mit den Nummer 24, 25 und 26 aufgelaufen sind, waren Helmes, Jones und Marin. Das ist durchaus in Ordnung, solange dies den Betroffenen mit dieser Deutlichkeit mitgeteilt wurde.

Als Gladbach-Anhänger ist mir sowieso das Hemd näher als die Jacke. Wir brauchen zu Beginn der nächsten Saison unbedingt einen ausgeruhten Marin. Wie die Form junger Spieler unter der Turnier-Belastung leider kann, haben wir zur Genüge an Podolski, Schweinsteiger oder Borowski gesehen. Ich kann Löws Entscheidung also nur begrüßen.

P.S.: Vielleicht, aber auch nur vielleicht, war es der Hype an sich, der Marin die EM-Teilnahem gekostet hat. Mir Sicherheit hat es Löw nicht geschmeckt, wie in den letzten Tagen berichtet wurde.

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Live-Blogging zum Aufstieg: Gladbach – Wehen

Mai 7th, 2008

19.21:  NIE MEHR ZWEITE LIGA, NIE MEHR, NIE MEHR, NIE MEHR!

Aufstiegsparty ich komme! Sonntag erst Nordpark, dann Alter Markt. Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

19.15: Ein völlig ungefährderter Sieg für Gladbach. Wehen hatte keinerlei Ambitionen, in der zweiten Hälfte noch weniger als in der ersten. Die Borussia war geduldig, hat es immer wieder versucht und erzielte völlig folgerichtig drei Tore. Der SV kann sich bedanken, dass Gladbach nicht aggresiver gespielt hat.

Die Gladbacher Auswechselspieler tanzen am Spielfeldrand, haben Aufstiegs-Shirts an. Gleich geht der Fisch ab.
19.07: Boooooooum! 3:0 für Gladbach, Sharbel Touma! Erneut Marin mit der Vorbereitung. Wehen versucht rauszuköpfen, doch der Ball lander genau auf dem Fuß von Touma. Der zieht aus zwölf Metern trocken ab und trifft satt halbhoch in die linke Ecke.

19.00: Traumpass aus dem Mittelfeld von Marin auf Neuville. Im letzten Moment abgegrätscht. Keiner im Stadion sitzt mehr, die Mannschaft wird durch die letzten Minuten getragen.

18.57: Gladbachs Alt-Star Herbert Laumen fungiert für die letzten 20 Minuten als Co-Kommentator bei Premiere. Nicht dass dies sehr erhellend werden wird, aber schön ein bisschen Gladbacher Dialekt zu hören. Heimatgefühle.

18.54: TOOOOOOOR für Gladbach. Marin Freistoß von der Eckfahne auf Rob Friend, der vom Fünfer locker einnickt. Das wars!

18.50: Riesenchance für Gladbach. Rösler eröffnet den Angriff durch die Mitte, spielt kurz vor dem 16er rechts auf Touma. Der könnte locker abschließen, spielt aber einen Pass in die Mitte in den Rücken von Friend und Neuville. Olli angelt sich den Ball, legt in zurecht, doch beim Abschluss steht bereits ein Wehener Abwehrspieler im Weg und blockt zur Ecke.

18.42: Glück für Gladbach bei einer Ecke. Daems fälscht einen Kopfball auf sechs Metern unglücklich ab. Heimeroth , schon in die andere Ecke unterwegs, kann seinen Körper gerade noch der Trägheit entreißen und fängt den Ball sicher. Heimroth-Rufe schallen durch den Nordpark.

Im Gegenzug zeigt Olli Neuville dem anwesenden Bundestrainer, was für ein Antritt noch in ihm steckt, und setzt eine gute Chance knapp über die Latte.

18.36: Rösler setzt ein 25-Meter Solo durch die Mitte, zielt auf die rechte untere Ecke, trifft den Ball aber nicht richtig. Mit ein bisschen weniger Egoismus hätte er auf Touma rechts rausgelegt.

18.33: Ein Lupfer von Rob Friend aus 18 Metern touchiert die Latte. Ich weiß nicht wie er gesehen hat, dass Richter zu weit vor dem Tor steht, da er die ganze Zeit auf den Ball gegeuckt hat. Vielleicht war’s die Intuition des Torjägers.

18.16: Halbzeit. Wehen erschreckend schwach. Nicht spielerisch, denn dazu kommt es fast nie, sondern kämpferisch ist da gar, gar nix. Es sieht so aus, als wolle der SV dem kommenden Zweitliga-Meister Spalier stehen wie heute abend Barcelona für Real Madrid es tun muss.

Meine Nervosität ist kaum noch vorhanden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Wehen noch etwas nachzusetzen hat in der zweiten Hälfte – außer Hock stellt die Taktik um und setzt auf volle Offensive. Aber vielleicht reicht ihm tatsächlich ein knappes Ergebnis und er will die zum sicheren Klassenerhalt notwendigen Punkte im nächsten Heimspiel holen bzw. verlässt sich auf die anderen Resultate.

18.06: Wehen macht extrem wenig, als ob die Mannschaft mit einer knappen Niederlage zufrieden wäre. Das Spiel findet zuletzt fast ausschließlich in der Gästehälfte statt. Gladbach spielt sich die Bälle nach belieben zu, hat aber scheinbar keine große Lust Druck aufzubauen. Stattdessen wird handballmäßig um den 16er herum gespielt. Heraus kommt meistens eine hohe Flanke. Die ist nicht immer gefährlich, aber Wehen sollte sich nicht darauf verlassen, dass es so bleibt.

17.55: Wehen findet jetzt besser ins Spiel, weil Gladbach einen Gang zurückschaltet. Die Gladbacher Viererkette steht aber gut und fängt die Pässe aus dem Mittelfeld locker ab. Das Spiel ist langsamer geworden, aber Gladbach versteht es, immer wieder Giftpfeile zu setzen, und kommt durch Neuville und Friend zum Abschluss.

17.45: Die Führung ist verdient. Gladbach mit der Initiative und vielen Ideen. Das Spiel über Außen läuft und Paauwe spielt großartige Pässe. Wehen dagegen versteckt sich und suchte das Heil in Kontern – ein Konzept das nun für die Tonne ist.

17.41: TOOOOOOOOOR für Gladbach 1:0 durch Sharbel Touma. Pass aus dem Mittelfeld auf Neuville am 16er-Eck. Feiner Pass von ihm in die Mitte, wo der völlig ungedeckte Touma sich die Ecke aussuchen kann. Wehen war zwar mit genug Abwehrspielern vertreten, hatte sich aber zu sehr auf den Ball konzentriert und Touma übersehen.

17.40: Zweite Großchance für Gladbach. Rösler kommt aus 13 Metern frei zum Kopfball, kann sich die Ecke aussuchen. Die Flanke war aber zu lasch, als dass er Druck hinter den Ball hätte bekommen können.

17.31: Erste Riesenchance für Gladbach. Friend geht nach Pass Paauwe in den Strafraum, kommt aus relativ spitzem Winkel zum Abschluss. Masic wirft sich entgegen und pariert.

17.29: Gladbach mit der Stammformation. Einzig die rechte Seite war fraglich. Einfach-Torschütze Touma erhält erneut den Vorzug gegenüber Doppel-Torschütze Ndjeng. Wehen läuft erwartet defensiv auf.

Gladbach: Heimeroth – Voigt, Daems, Brouwers, Levels – Marin, Paauwe, Rösler, Touma – Friend, Neuville

Wehen: Richter – Simac, Kopilas, Nakas, Kokot – Schwarz, Catic – Siegert, Nicu – Atem, Diakité

17.26: Kaiserwetter, das Bier steht kalt, Riesenstimmung auf dem Bökelberg (gerade schon telefonisch eingefangen), es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Okay, nichts außer einem Unentschieden oder einer Niederlage.

Stadionsprecher Toto Knippertz schnappt sich das Stadionmikro und stimmt die Gladbacher Nationalhymne live an. Erste Gänsehaut stellt sich ein – Aaargh! Premiere blendet aus! Egal, bei mir ist Festtagsstimmung.

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Sieben Tore für den Aufstieg – der Auswärtsfahrtbericht

Mai 4th, 2008

7:1. Ich werd bekloppt.

7:1 klingt nach einem Spaziergang, nach einem Klassenunterschied. Wer das Spiel gesehen weiß, dass es ganz anders war. Es hatte eine seltsame Dramatik. Live im Stadion sogar noch auf einer zweiten Ebene, auf der Support-Ebene. Denn in den letzten 20 Minuten waren es nicht die Gladbacher Fans, die das Stadion beben ließen, sondern die Offenbacher. Ich hatte eine Gänsehaut, auf der man Möhren hätte reiben können. Aber der Reihe nach.

Gladbach kam ganz schlecht in die Partie. Offenbach grätschte, kämpfte, rackerte, so wie es sich für eine Mannschaft im Absteigskampf gehört. In den ersten 20 Minuten fand Gladbach kein Mittel, gegen die sehr gut eingestellten Gastgeber auch nur eine Chance zu kreieren. Im Gegenteil: Einige Male musste man ganz tief Luft holen, insbesondere wenn der starke Bancé zum Abschluss kam. Seinen gut platzierten Kopfball lenkte Heimeroth mit den Fingerspitzen um den Pfosten. Gladbach spielte mal wieder oft lange Bälle auf Friend, der in Sichone einen extrem unangenehmen Gegenspieler hatte. Gegen Ende der zweiten Halbzeit spielten beide am Rande der gelb-roten Karte.

In der Druckphase der Offenbacher hinein fiel völlig überraschen das 1:0. Friend wurde bei einem Entlastungsangriff steil in den Strafraum geschickt und fiel. Aus meiner Sicht im Stadion schien es eine sehr harte Entscheidung. Neuville verwandelte sicher und ich musste meinen Torjubel schwer unterdrücken, stand ich doch mitten im OFC-Fanblock in der Nähe einiger ganzkörpertätowierter Glatzenträger, die kurz zuvor bereits einen anderen Gladbach-Anhänger vor meinen Augen recht rabiat seiner gesamten Fan-Utensilien entledigt hatten.

Die Kickers-Fans tobten und es schallten bereits erste “Hoyzer! Hoyzer!”-Gesänge durch das Stadion. Diese Stimmung sollte nicht besser werden, als kurz vor der Halbzeit der bis dato stärkste Offenbacher Bancé die rote Karte nach einem völlig überflüssigen Foul an Neuville sah. In der Halbzeit riet mir mein Nebenmann, ein Offenbach-Fan, den Block zu wechseln, da er für nichts garantieren könne, sollte eine weitere zweifelhafte Entscheidung gegen die Kickers fallen.

Ich blieb, sollte es aber bald an dieser Entscheidung zweifeln. Kaum fünf Minuten nach der Pause zeigte Schiedsrichter Sippel erneut auf den Elfmeterpunkt und verwies Sichone des Feldes, ohne dass aus unserer Sicht auch nur der leiseste Anhaltspunkt für eine Regelwidrigkeit zu erkennen gewesen wäre. Einziger Anhaltspunkt für eine berechtigte Entscheidung war, dass es keinen Protest seitens des Übeltäters gab. Den OFC-Fans war dieses Indiz indes ziemlich egal und sie stimmten einen derartigen Proteststurm an, dass mit angst und bange wurde.

Ob berechtigt oder nicht, diese Szene war es, die die Partie endgültig kippen ließ. Aus einem Kampf- wurde ein Trainingsspiel Mit neun Mann und 35 Grad auf dem Platz mussten die Offenbacher mit ansehen, wie die Gladbacher den Ball locker zirkulieren ließen, zu einer Chance nach der anderen kamen und die meisten davon locker verwandelten. Die Borussia konnte es sich sogar erlauben, nach drei Auswechslungen einen angeschlagenen Colautti vom Feld zu nehmen, um nur noch mit zehn Mann zu Ende zu spielen und trotzdem noch drei Tore drauf zu setzen.

Während sich die Offenbacher Mannschaft auf dem Feld verprügeln lassen musste, zeigten die OFC-Fans, dass sie nicht in die dritte, sondern in die erste Liga gehören. Von der 70. bis zur 90. Minuten supporteten sie ihr Team ohne eine einzige Atempause, Schmähung des Schiedsrichters oder des Gegners. Und das in einer Lautstärke, dass vom Gladbacher Fanblock bei mir nullkommanichts angekommen ist. Selbst zehn Minuten nach Spielende standen die OFC-Fans noch auf den Zäunen und forderten ihre Mannschaft. Für die Kurve zählte nicht das blanke Ergebnis, sondern vor allem die gute Vorstellung ihres Teams in Halbzeit eins und ein (so seltsam das angesichts eines 1:7 klingt) aus ihrer Sicht nur vom Schiedsrichter verhinderter Punktgewinn. Alle Hüte ab.

Bei einem so eigenartigen Spielverlauf fällt es mir sehr schwer, Einzelleistungen zu bewerten. Es waren zwei völlig konträre Halbzeiten. Bezeichnend dafür vielleicht Neuville: In der ersten Hälfte kaum zu sehen, auch aufgrund fehlender Anspiele. In der zweiten Halbzeit ein Aktivposten. Dazu zwei Tore, aber Elfmetertore. Welche Note sollte ein Kicker-Redakteur da vergeben? Wahrscheinlich eine 2,5.

Über den Spielverlauf spricht in zwei Wochen zum Glück keiner mehr. Mein Bauchgrimmen, was den Aufstieg angeht, ist jedenfalls verschwunden. Er kann wohl nur noch theoretisch verhindert werden: Wenn Hoffenheim alle drei Restspiele gegen Koblenz, Offenbach und Fürth gewinnt und Gladbach gleichzeitig gegen Wehen, Freiburg und Paderborn nur noch einen Punkt holt. Nächste Woche bin ich im Nordpark. Hoffentlich zur Aufstiegsfeier.

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Dieses grimmige Bauchgefühl kurz vor dem Aufstieg

Mai 1st, 2008

Mit geht es nicht so gut, wie der Tabellenplatz meiner Mannschaft vermuten lässt. Zweifel nagen an mir. Ich mag es nicht, dieses von außen suggerierte Gefühl der Sicherheit. Dass Gladbach durch ist, dass nicht mehr anbrennen kann. So ist es nicht!

Ich bin schon lange genug dabei, um zu wissen, dass alles passieren kann. Damals, als Günter Koch ausrief “Hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund!”, da war es auch so, dass der Club vor dem Spieltag rein statistisch bereits gesichert war. Aber er war es eben nicht. Beim Radiosender 1Live gab es ein Absteiger-Tippspiel, an dem gewiss nicht wenige Menschen teilgenommen hatten. Am Ende gab keinen Sieger, weil Nürnberg niemand auf der Rechnung hatte. Nicht einer aus 10.000.

Wenn an diesem Wochenende alles schlecht laufen sollte – wenn! – dann sind es nur noch drei Punkte auf den Nichtaufstiegsplatz. Und dann wackeln die Knie und die Gegner bekommen die zweite Luft. Dann zählt eine fast komplette Saison als Tabellenführer nichts mehr.

Das brutale an dieser Situation ist, dass ich, und alle anderen Borussia-Fans, den Aufstieg nicht mehr als möglich, sondern als eigentlich selbstverständlich erachten, irgendwo dahinten im Hinterkopf. Unser Scheitern wäre ungleich bitterer als ein Scheitern des FC Köln, der in der gesamten Saison bereits im Stadium der Ungewissheit verharren musste.  Ein Scheitern wäre ein Tritt in den Unterleib, wie er körperlich nicht schmerzhafter sein könnte.

Mich begleitet in diesen Tagen also ein grimmiges Bauchgefühl, dieser Rest Ungewissheit, diese Aussicht auf die größte aller Enttäuschungen. Diese unrationale Emotion gepaart mit der Gewissheit, dass es in den nächsten Saisons dank Relegation ungleich schwieriger wird, den Sprung nach oben zu schaffen.

Drei Punkte. Das ist es, was wir noch brauchen. Mehr will ich gar nicht. Und das sollte reichen.

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Nie mehr Bumm-Bumm-BummBummBumm

April 30th, 2008

Eine der ersten Eindrücke meines Fan-Daseins war dieser kleine Typ mit der Kappe, der vor der Nordkurve auf dem Zaun saß – immer an der selben Stelle. Er hatte sich dort einen Sitz festschweißen lassen. Sobald er auf seine Trommel schlug, stimmte das ganze Stadion mit ein. Es waren immer dieselben Rhythmen. Bumm-Bumm-BummBummBumm oder Bumm! (bummbummbumm) Bumm! (bummbummbumm).

Obwohl er erst mit 29 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam und bis dahin von Borussia Mönchengladbach höchstwahrscheinlich nie etwas gehört hatte, und erst mit 38 anfing, den Trommelstock zu schwingen, wurde er zum Oberfan, in einer Zeit, als es in Deutschland Einheizer vor der Kurve noch unbekannt waren.

1977 hatte er seinen ersten Einsatz. Als ich ihn bewusst miterleben durfte, ca. Mitte der 80er, war er bereits ein lebendes Denkmal. Ein Spieler durfte sich ausgezeichnet fühlen, wenn er nach dem Spiel zu Manolo auf den Zaun klettern und auf die Trommel schlagen durfte. Und wehe, ein anderer Zuschauer kam ihm zunahe. Dann konnte man aus der Ferne beobachten, wie seine Halsschlagader anschwoll und er mit den vorhandenen Utensilien den ihm vorbehaltenen Ehrenplatz verteidigte. Zweifellos konnte man ihm Eitelkeit nicht absprechen.

Manolo war ein Relikt der alten, der unkommerzialisierten Bundesliga. Bezeichnend, dass er seiner Krankheit zur gleichen Zeit Tribut zollen musste, als die Borussia den Bökelberg verließ. Im Nordpark habe ich ihn nicht erlebt, ich wüsste auch nicht, dass er dort nochmal den Takt vorgeben durfte. Heute ist Ethem Özerenler gestorben und Allah hat wahrscheinlich für ihn eine riesengroße Pauke im Djanna reserviert.

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Aufstieg, ich komme!

April 29th, 2008

Sonntag früh geht es ab an den Bieberer Berg. Und auch wenn für Bild-Zeitungs-Redakteure Dyskalkulie kein Einstellungshindernis ist und sie schreiben dürfen: “Jetzt kann der VfL nicht schon Sonntag in Offenbach aufsteigen”, wissen wir es natürlich besser.

“Borussia gewinnt in Offenbach und kommt damit auf 60 Punkte. Köln und Hoffenheim spielen im direkten Duell unentschieden, außerdem gewinnt Mainz nicht gegen Kaiserslautern und Freiburg nicht bei 1860 München. Gestehen wir Mainz und Freiburg auch mal jeweils einen Punkt zu, sähe die Tabelle wie folgt aus: Borussia 60 Punkte, Hoffenheim 54 Punkte, Mainz 53 Punkte, Köln 52 Punkte, Freiburg 50 Punkte. In diesem Fall könnte Freiburg uns an den letzten drei Spieltagen nicht mehr einholen. Köln könnte dies nur mit drei Siegen schaffen, was bedeuten würde, dass Mainz (das noch in Köln spielt) auf maximal sechs Punkte käme und hinter uns bliebe. Das Ganze funktioniert übrigens auch, wenn Köln am Sonntag gegen Hoffenheim verliert – allerdings nicht, wenn Köln gegen Hoffenheim gewinnt.”

Am Freitag reiche ich also schonmal vorsorglich den Urlaubsantrag ein. Allerdings könnte alles auch ganz genau andersrum kommen und dann wären es nur noch drei Punkte Vorsprung – bei neun noch zu verteilenden Punkten.

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Gastbeitrag: Dieb ohne Ehre?

April 26th, 2008

Per Mail erreichte mich dieser Text, gezeichnet vom “Kommando Schwarzer Abt”. Klingt martialisch, was dahinter steckt, weiß ich nicht. Auf Nachfragen, worum es sich bei diesem Kommando handelt und welche Personen dahinter stecken, bekam ich leider keine befriedigende Antwort, sondern pathetische Ansagen a la:

Ich spreche für die unterdrückten und enteigneten Fans in der Kurve. Für mehr Freiheit und Freiraum, für mehr Selbstbewußtsein gegenüber Borussia und dem Fußball-Marketing Zirkus. Meine Stimme richtet sich gegen die Stigmatisierung von Fußballfans durch die Massenmedien, gegen Hochsicherheitstrakte, Verbote, Einschränkungen und Überwachung. Und das nicht personifiziert. Anliegen die unsere Fanvertreter (Fanprojekt/Fanbeauftragte) öffentlich thematisieren sollten, jedoch nicht tun. Ich bin gegen die zunehmende Ausgrenzung von Fußballfans und für mehr Leidenschaft in der Kurve, für unseren Aufstieg und für den Klassenerhalt des FCs.

Allzulange kann der Autor die Volljährigkeit noch nicht erreicht haben, denn der Name Klaus Gerster sagte ihm gar nichts. Meine Irritation angesichts der Titulierung “Schwarzer Abt” konnte er dementsprechend nicht nachvollziehen. Nichtsdestotrotz ist es ein eloquenter Text, der durchaus einen respektablen Standpunkt vertritt.

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Köln – Borussia 1:1, 7.4.2008

Dieb ohne Ehre?

Die Fahnen sind weg! Geklaut! Mit einem ganz einfachen Trick; drei 15jährige können sich nach dem St. Pauli Spiel frei aus dem Raum hinter Block 18 bedienen. Ein Typ vom Catering schließt gutgläubig auf. Großartig. Super Coup!

Hätten wir das nicht alle gerne hinbekommen? Dem FC kurz vor dem Derby ein paar Fahnen klauen, zusammen nähen und beim Spiel in der Kurve präsentieren und dann zerreißen, am liebsten verbrennen. Und auf der Asche tanz der VFL. Natürlich!

Die Ultras lösen sich daraufhin auf. Was für ein Haufen Jammerlappen. Die Fahne ist weg. Würde ich das Stück Stoff mit ins Bett nehmen, wenn es mir so wichtig wäre? Ja, ich würde. Doch die Ultras überlassen es Gott und einem Catering Mann. Warum hat so ein Trottel überhaupt den Schlüssel für die Schatzkammer? Nun, was tun? AUFLÖSEN!

Warum nicht den Geißbock von der Weide entführen und ein Tauschgeschäft aushandeln; Hennes gegen Fahne. Fertig. Geht die Fahne im Block hoch wird das kölsche Vieh gegrillt! Doch wir wackeln beim Spiel nur wütend am Zaun und schmeißen ein paar Räucherstäbchen. Was für eine brillante Aktion.

Wie zu erwarten überschlägt sich der Boulevard mit Schwachsinn: „Randale in Köln – Schnappt endlich die Feuerchaoten“ (1). Es wird der Eindruck erweckt, dass es sich um eine Horde von Fußballverbrechern handelt, die mit Drohgebärden Stadien und Städte in Aufruhr bringen können und die innere Sicherheit ernsthaft bedrohen.

Der DFB bestraft Borussia mit 7500,- € und der Verein distanziert sich von seinen Fans. „Wir sind vereint unter der Raute, hier wird jeder akzeptiert…ganz egal was auch passiert (2) 1994 schmückten Bengalos noch die Titelseite des Fohlen Echos (3) , doch die Zeiten ändern sich. Ex-Trainer, Trunkenbold und DSF-Plaudertasche Lattek folgt massenmedial verbreiteten Vorurteilen und weiß: „Solche Leute haben mit Fußball gar nichts zu tun. Sie sollten mit aller Härte bestraft werden“ (4). Wer hat das nur wie hinbekommen, dass heute alles kriminalisiert wird? Wer hat uns das Spiel geklaut?

Aber nicht nur die schreiende Öffentlichkeit fordert Konsequenzen, auch die Fanvertretung ist für mehr Repressionen. „Die Kölner Ordnungskräfte…hätten eingreifen können“ (5). Nein! ORDNER AUS DER KURVE, DAMIT DIE KURVE LEBT! Vergessen? Der Kölner Fanbeauftragte wird aufgefordert Namen zu nennen. Es sollen Köpfe rollen: „Auf den bekannten Fotos von eurer Kurve würde ich, wenn das meine Szene wäre, mindestens 20 Mann mit Namen nennen können(6) Und auch verraten? Mir wird ein wenig anders bei dem Gedanken, dass meine Fanvertretung mich an Polizei oder Kölner ausliefern würde.

Apropos Kölner: Alexander Voigt glaubt, der „Skandal kostet uns den Sieg“ (7) und ein FC-Fanclub entschuldigt sich öffentlich für die Aktion: „Irgendwo sollte die Rivalität kein Spiel beeinflussen“ (8) Doch! Ich wünsche mir jedes Wochenende genau das: Wir nehmen Einfluss auf das Spiel. Wir sind der 12. Mann, oder? Wir haben sogar von Joris van Hout das Trikot übernommen, „denn nur den Fans gehört das Spiel“ (9), zumindest doch ein Teil davon! Und wenn das Zerreißen einer Fahne hilft, bitte, ich bin dabei!

Durch die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs wird uns jedoch nur die Rolle der lustigen Stimmungsmacher zuteil. Vielleicht bald in der Punica-Oase an der Weisweiler Allee? Als reibungslos funktionierende Sportkonsumenten. Wir aber wollen, trotz Groningen, Konfetti, Bengalos und Rauch im Stadion, keine Ordner und Polizei, keine Überwachungskameras, keine Zäune und keinen Jünter. Ich möchte im Block Fahnen verbrennen können und dem FC die Pest an den Hals wünschen. Doch „lassen wir uns mal überraschen was da in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren auf die Kölner zukommt“ (10). Das ist wohl als Aufforderung zu verstehen.

Mit viel Spaß und Glück dabei!

Der Schwarze Abt

(1) Bild, 9.4.2008
(2) B.O.: Wir sind Borussia, CD, 2002
(3) Fohlen Echo, 26.2.1994, Nr.5 29.Jahrgang
(4) Udo Lattek, Express 8.4.2008
(5)Thomas Ludwig, NK Extra, 13.4.2008
(6)Tower, NK Extra, 13.4.08
(7) Express, 9.4.2008
(8) J. Lintermann, Fan Club „anti-bayern”, RP, 9.4.08
(9) B.O.: Dein Verein, CD, 2002
(10) Tower, NK Extra, 13.4.08

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