Borussia Mönchengladbach – das Saisonfazit
Als Gladbacher, das hat sich einmal mehr herausgestellt, muss man leidensfähig sein. Diese Saison hat alles an Nerven gekostet, was ein Fußballfan aufbringen kann. Und obwohl es gut geendet ist und das Saisonziel erreicht wurde, muss ich ein absolut negatives Fazit ziehen.
Nach dem letzten Bundesligaabstieg versprach die Vorstandsetage, dass nun alles anders, alles besser würde. Man wolle auf kontinuierliche Arbeit setzen, eine Mannschaft mit Charakter aufbauen – dies sollte gar einer der Hauptkriterien bei Neuverpflichtungen werden – und das Kaufhaus des Westens sollte für alle Zeit die Tore schließen.
Es kam alles anders. Die Saison war ein einziges großes Missverständnis.
Luhukay und Ziege gingen mit sehr viel Vertrauensvorschuss in die Spielzeit – hatten sie doch im Jahr zuvor aus dem Nichts einen stimmigen Kader aufgebaut, der Typen beinhaltete, mit denen sich alle Fans identifizieren konnten.
Viel Breite, keine Spitze
Mit dem gleichen Personal gingen sie in die neue Saison und glaubten, ihn nur punktuell und in der Breite verstärken zu müssen. Diese „Breite“ ging jedoch soweit, dass Luhukay und Ziege einen Kader zusammenkauften, der jedes System spielen können sollte und zwar mit voller Absicht – ein aufgeblähter Kader, nichts in der Spitze.
Als es in die Saison hineinging wurde klar, dass Luhukay tatsächlich System und Personal von Spiel zu Spiel auf den Gegner einstellen wollte. Flexibilität total, Kontinuität null.
Man könnte es ein Experiment nennen. Das Experiment explodierte vor den Augen der Verantwortlichen. Das in der zweiten Liga eingespielte System, das auf bestimmte Stärken setzte, wurde komplett demontiert.
Stärken demontiert
In der Vorsaison waren die Stärken: Flügelspiel mit zwei kopfballstarken Abnehmer, Friend und Rösler, in der Mitte. Und saustarke Standards, bei denen unter anderem Brouwers und Gohouri die Überlegenheit im Strafraum klar machten.
In den ersten Spielen in der ersten Liga gab es das alles nicht mehr. Scorer-König Ndjeng, der zugegeben nie mehr die Top-Form erreichte, wurde aussortiert. Für ihn lief Matmour auf, der aufs Tor zieht, aber nicht flankt. Ohne Rösler (der sich ebenfalls aufgrund mangelnder Fitness auf dem Team katapultierte) gab es keinen mehr, der aus dem Mittelfeld in den Strafraum stieß. Vieles kam zusammen. Die Kopfballmacht war passe.
Passe war auch die Hierarchie. Die Leitwölfe Voigt, Rösler und Paauwe konnten von ihrer Leistungen her dem Team nicht mehr helfen und hinterließen eine Lücke, die bis zur Winterpause brach lag.
Abwehrschwäche war absehbar
Diese Punkte habe ich so vor der Saison nicht erwartet. Ich hatte erwartet, dass es ein großer Kampf wird. Dass sogar mit einem Rösler in Alemannia-Form vorne war gehen würde. Ich glaubte, dass die Verantwortlichen die Stärken kennen und ausbauen, aber zumindest nicht demontieren würden. Es kam anders.
Nicht nur, dass vorne alles was lief, nicht verfolgt wurde. Die sich ankündigende Abwehrschwäche wurde ignoriert. Dies war die größte Verfehlung von Ziege und Luhukay: Zwar wurden sehr viele Spieler zu verpflichten, aber nicht auf den vakanten Positionen zum Beispiel auf der rechten Abwehrseite. Stattdessen zwei bis drei Neuverpflichtungen auf der völlig überbesetzten 6er-Position.
Keine Lehren aus der Vorsaison
Trotz all dem hätte es vielleicht besser laufen können, hätte man die Lehren aus der Vorsaison ernst genommen. Dort hatte nur ein 4-4-2 funktioniert, mit dem 4-5-1 stand eine (für einen Aufsteiger) desaströse Bilanz. Aber Luhukay legte sich auf einen Stürmer fest und hielt nicht am erfolgreichen System fest.
Und als Meyer kam, wurde es nicht besser. Diesen Vorwurf muss man Meyer machen, obwohl er im Endeffekt erfolgreich war. In der Hinrunde hat er alles vergeigt, auch weil er in seiner Taktik nicht flexibel war.
Er schob es auf die „mangelnde Balance“. Aber das ist zu einfach. Man muss die Karten spielen, die man hat, und nicht das Spiel, für das man die Karten nicht hat. Einen Neuville als klaren 4-4-2 Stürmer kalt zu stellen – das darf man sich mit diesem Spielermaterial eigentlich nicht leisten.
Viel Glück in der Rückrunde
In der Rückrunde wurden zwar 20 Punkte geholt, aber es war längst nicht alles Sonnenschein.
Meyer beförderte Baumjohann zum Spielgestalter. Der hatte zwar einige lichte Momente, aber viel mehr Schatten. Abgesehen von den Situationen, die man in der Sportschau gesehen hat und einigen anderen gefälligen Pässen, war er vor allem phlegmatisch und hat mich zur Weißglut getrieben. In jedem Moment wünschte ich mir Marin auf seiner Position. Ich bin froh, dass er bei Bayern gelandet ist.
Aushilfsstürmer Colautti zeigte in jedem Moment, dass er nicht bundesligatauglich ist und ein System mit ihm als einzige Spitze nicht funktionieren kann.
Bailly und Galasek top, Dante mit viel Schatten
Das einzige Highlight: Galasek und Bailly wurden gekauft und retteten der Borussia den Arsch. Bei Bailly hat man gesehen, wie viel Punkte Unterschied zwischen einem mittelmäßigen und einem guten Bundesligatorwart liegen. Galasek war die ordnende Hand und der lange vermisste Führungsspieler.
Stalteri konnte zwar nicht wirklich auftrumpfen, schloss aber die Lücke in der Verteidigung – ebenfalls ganz wichtig.
Dante war der Spezialkandidat. Er taumelte zwischen Genie und Wahnsinn. Im letzten Spiel gegen Dortmund hätte ich ihn zur Halbzeit – wenn nicht früher – ausgewechselt. So schlecht war er. Aber am Ende köpfte er das 1:0, wie er schon in zwei Spielen zu vor ein entscheidendes Tor markierte.
Klassenerhalt nur mit viel Glück
Meyer hat in der Rückrunde nicht alles richtig gemacht, aber seinen Dickschädel durchgesetzt und wurde am Ende mit sehr, sehr, sehr viel Glück belohnt. Das ist kein Grund, seine Arbeit nicht zu hinterfragen, denn er hat vor allem von der Schwäche der Konkurrenz profitiert.
Er hat sehr gut und punktuell eingekauft, er hat die Mannschaft gerettet. Aber Gladbach hat bis auf zwei, drei Spiele nicht so gespielt, wie es die Punkteausbeute von 20 Zählern vermuten lässt. Da war verdammt viel Glück dabei.
Nichtsdestotrotz – einen Trainerwechsel möchte ich nicht heraufbeschwören. Viel zu viel ist bei Gladbach passiert. Meyer hatte extrem schwierige Ausgangsbedingungen und wenn er noch eine Saison dran hängt, glaube ich, dass er die Borussia in ruhigeres Fahrwasser bringen kann.
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10 Responses to “Borussia Mönchengladbach – das Saisonfazit”


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Deine Einschätzung Baumjohanns (“phlegmatisch … hat mich zur Weißglut getrieben”, “bin froh, dass er bei den Bayern gelandet ist”) interessiert mich, auch, weil Spox ihn zum Aufsteiger der Saison gekürt hat. Kann man zu so unterschiedlichen Urteilen kommen? Oder ist beides irgendwie drin, weil Spox einfach nur die Höhepunkte nimmt und du den Alltag siehst?
(Nebenbei: hast du jedes Spiel von ihm – im Stadion – gesehen oder nur ein paar, die dich dann zu dem Urteil kommen ließen?)
“Spox” als Quelle zu nehmen ist sehr fragwürdig. In diversen Bundesliga-und Vereinsforen ist “Spox” als Quellenangabe verboten – und das nicht umsonst. Ähnlich ist es auch mit “Goal.com”. Natürlich hat Baumjohann in dieser Saison überrascht. Wer hätte ihm das nach 2 Jahren Regionalliga und schlechter, unprofessioneller Einstellung zugetraut. Doch in vielen Spielen war es tasächlich so, dass er kaum zu sehen war, nur durch Fehlpässe aufgefallen ist oder in den alten Kein-Bock-auf-gar-nix-Trott verfallen ist. In dem Spox-Artikel werden halt nur seine Glanzaktionen erwähnt. Desweiteren steht bei Spox “Über die Station Gladbach hat es Baumjohann also im Sauseschritt zu einem Vertrag beim Branchenprimus gebracht”, was faktisch auch nicht stimmt. Oder kann man es Sauseschritt nennen, wenn man von Schalke nach Gladbach wechselt und 2 Jahre lang keine Schnitte sieht?
Na ja….Spox ist oft Müll und Baumi war nicht immer der überragende Mann im Team!!
Gebe aber zu, dass danach aber auch bei Jannik nicht mehr viel positives über ihn zu lesen war. Der Junge ist offenbar ein (schludriges?) Talent, mal schauen, ob er lernt, das irgendwie zu stabilisieren. Oder spricht man ihm auch theoretisch die Eignung ab, ein Großer zu werden?
Mit “schludriges Talent” triffst du es sehr gut! Absprechen würde ich es ihm nicht ein großer zu werden. Um das zu schaffen muss er allerdings zwei Dinge ändern:
1. Die gerade genannte Schludrigkeit abstellen
2. Meiner Meinung nach schnell wieder den Verein wechseln, da ich es absolut bezweifle, dass er sich bei den Bayern durchsetzen kann. Was für Talente sind in Baumis jetztigem Alter zu den Bayern gewechselt? Jansen, Schlaudraff, Podlski…alle wieder weg…weil sie sich nicht durchsetzen konnten. Gleiches wird mit Baumi passieren. Bei einem Verein wie Stuttgart oder dem HSV wäre er besser aufgehoben gewesen.
Übrigens: Eben ist es bekannt geworden, dass Meyer Gladbach verlässt. Heißester kandidat und vermutlich auch schon fix: Friedhelm Funkel. Ich geh mal so weit und sage herzlich Willkommen! Find ich gar nicht schlecht. Funkel wollte schon immer Gladbach trainieren und wird sich 100 % mit dem Verein identifizieren.
Kann dir eigentlich in fast jeder Hinsicht nur zustimmen – außer in Sachen Meyer-Trennung. Die Nachricht “er ist weg!” auf meinem Handy hat mich heute schon erleichtert. Er hat uns gerettet, das war seine Aufgabe. Wenn die anderen nicht noch schlechter gewesen wären, dann wär’ auch Meyer mit wehenden Fahnen untergegangen. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Es war klar, dass er über Leichen gehen würde. Für den Klassenerhalt war das letztendlich unumgänglich, deshalb kein Vorwurf.
Jetzt hoffe ich auf einen Trainer der Generation Slomka/Labbadia/Wollitz. Funkel ist doch ein Fahrstuhl-Trainer wie er leibt und lebt. 55 Jahre alt – eine Perspektive ist das doch auch nicht. Und was hat er außer Aufstiegen und zwei Pokalfinals schon erreicht? Falls uns ein junger, frischer Trainer nicht helfen kann, dann werde ich auch ganz schnell ruhig sein. Aber den Versuch wäre es wert.
@probek: Ich bin ja auch ein Fähnchen im Wind;) Als ich das über Baumjohann geschrieben habe, hat er in zwei Heimspielen hintereinander ein Traumtor aus der Distanz geschossen. Danach hat er letztmals gegen Köln wirklich aufgetrumpft. Das war am 24. Spieltag. Es folgten zehn Spiele, die bestens mit Dülps Worten zu beschreiben sind: “Phlegmatisch…hat mich zur Weißglut getrieben”.
Also “Aufsteiger der Saison”... das gehört doch mehr zu als ein einmaliges 70-Meter-Solo aus dem Nichts, oder?
@probek: Ich habe alle Spiele in voller Länge gesehen. Zirka 10 im Stadion, den Rest auf Premiere. Baumjohann wird kein Großer.Er hat in jedem Spiel ein paar gute Ideen, aber ist auch mal 70 Minuten gar nicht zu sehen.
Mit Meyers Rücktritt kann ich leben. Wie geschrieben: optimal fand ich sein Coaching nicht, aber ich hätte gerne eine Baustelle weniger gehabt.
@Jannik: Ich hätte ebenfalls lieber einen Wollitz als einen Funkel. Aber Funkel ist aus Sicht des Vorstands eine vermeintlich sichere Sache: erfahren, abstiegskampferprobt, in den letzten Jahren in einem vergleichbaren Umfeld erfolgreich (mehr oder weniger).
Ey! Ich habe alle Spiele in voller Länge gesehen und Baumjohann wird kein Großer
ist aber nicht unbedingt das, was ich jetzt lesen wollte, Spielverderber. Ok. Und sicherlich gehört zu einem “Aufsteiger der Saison” mehr als ein Traumtor-Schuss.
Immerhin: wenn er nur für 20 Minuten einsetzbar ist, kann er vielleicht als Joker reüssieren. Und so teuer war er auch nicht. Klingt aber wirklich nicht so, als wäre Bayern der richtige Verein für ihn.
Nanu, noch kein Kommentar zu Frontzeck?
Das Risiko mit ihm ist überschaubar. Mehr weiß ich derzeit dazu nicht zu sagen. Er wird keine besonderen Transfers erwarten und er kennt den Abstiegskampf. Die Strukturen bei MG sind ihm auch bekannt. Schweirig wird nur die Unruhe zu handhaben zu sein, wenn die “besten Fans der Welt” die Geduld verlieren und nach dem 3. Spieltag stöhnen “Wie kann man nur den Frontzeck holen?”.
Kann dich, Dülp, nur bestätigen. Habe diese Rückrunde gelitten wie ein Hund. Rückblickend kann ich bestätigen, dass Meyer eine solide Rückrunde mit 20 Punkten gespielt hat. Es gab keine Megaklatschen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die Mannschaft auseinanderfällt. Sicherlich gab es schwache Auftritte, aber das ist für mich im Abstiegskampf normal. Richtig weh taten nur die Matchbälle gegen den KSC und Bielefeld. Und das am Schluß das Glück mithalf, nehme ich generös an. Meyer hat im Angesicht des Abstiegskampfs relativ kultiviert spielen lassen. Einsatz und Kampf sind unabdingbar, aber die Mannschaft hat sich auch stark bemüht wirklich Fussball zu ‘spielen’ und nicht alles zu zerhacken. Letztlich gelang das gegen die mitspielenden Mannschaften besser und gegen direkte Konkurrenten schlechter. Ich hoffe, die Tendenz weiterhin den Spielaufbau zu pflegen, bleibt bei Frontzeck erhalten. Trotz Abgängen von Marin und Baumi.
Klar, das ist ein Gladbach-Blog, aber das Fazit hat doch Spuren einer rummeniggschen Realitätsverschiebung.
Viele Breite, keine Spitze = Viele Zweitligakicker in einem nominellen Erstligakader. Albermann, Brouwers, Coulatti und vor allem Rösler sind nicht nur breit (das Übergewicht abzutrainieren hat bei den den Löwen mehrere Monate gedauert), sondern schlicht nicht erstligatauglich. Die bekanntlich nicht lügende Tabelle sagt es klar: Gladbach war eine der schlechtesten Mannschaften aller Zeiten, die nicht abgestiegen ist.
Die Einzelspieler, die Zusammensetzung des Kaders war nur ganz knapp erstligatauglich. Da helfen keine Systemdiskussionen.
Karlsruhe hat konsequent an Trainer, Spielern und so weit ich das beurteilen am Spielsystem festgehalten, was zwar löblich war und ist, sind aber dennoch abgestiegen.
Demnach konnte der Trainerwechsel ja auch nicht sofort Ergebnisse bringen, sondern nur der Austausch von Spielern.
In punkto Luhukay bin ich der Meinung, daß er nicht konsequent das “Zweitligasystem” und die dazugehörigen Spieler aufgegeben hat. Er hat da einen Eiertanz vorgeführt, der allen seinen Kritikern ausreichend Argumente lieferte. Daran ist der FC IMHO in der Vergangenheit auch schon gescheitert …
Insofern denke ich, daß die bekannten Abgänge plus Marin nicht unbedingt eine Schwächung für Gladbach bedeuten. Sie mach den Weg frei für einen neuen Ansatz anstatt eines weiter so, und mit 31 Punkten wird die Klasse nächste Saison nicht gehalten werden können.
In dem Sinne, Glückwunsch zum Klassenerhalt und auf die neue Saison.
P.S. Wann lieferst Du eigentlich einen Eintrag zu Hoffenheim nach?